„Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten.“
28. September 2011So schreibt Ulf heute in seinem Blog.
Vielleicht sieht das auf den ersten Blick auch so aus. Vielleicht stimmt es sogar. Vielleicht aber auch nicht. Zumindest nicht ganz.
“Natürlich” sind aus den Rebellen von einst die Spießer von heute geworden. Na ja, teilweise. Gleichzeitig sind heute aber viele – ehemals ver-rückte – Ideen ganz einfach normal. Da denkt niemand mehr drüber nach. Müll-trennen? Natürlich, das macht doch “Jeder”.
Vor 30 Jahren hat das nicht jeder gemacht. Wer die Aludeckelchen vom Joghurtbecher getrennt hat (das ist ja ein wertvoller Rohstoff), der wurde milde belächelt. Mindestens.
Malcolm Gladwell hat ein interessantes Buch geschrieben.
Tipping Point: Wie kleine Dinge Großes bewirken können.
Es geht – unter anderem – um die kritische Masse die eine Kettenreaktion auslösen kann. Bis diese Masse erreicht ist, das kann ganz schön lange dauern.
Da sind wir dann auch wieder genau beim Thema.
Ändern Wahlen wirklich nichts? Oder sind, sehr häufig, die Veränderungen nicht innerhalb von 3, 4, 5 Jahren sichtbar?
Ein Tilo S. hat vor, gefühlt, sehr langer Zeit ein Buch geschrieben. Das Buch habe ich nicht gelesen und werde auch nicht darauf verlinken…
… allerdings wurden bei dieser Diskussion viele Stimmen laut die darauf hingewiesen haben, dass die Ursachen teilweise schon Jahrzehnte zurückliegen. Logisch wird schnell von Fehlentscheidungen gesprochen. Das ist einfach, rückblickend ist immer klar, was denn die sinnvollste Entscheidung gewesen wäre. Das weiß jeder am Stammtisch, jeder in der Opposition und jeder, der sich schon nicht mehr daran erinnern kann: die Entscheidungen wurden teilweise von der eigenen Partei getroffen.
Und wieder zurück zum Thema. Handeln und die Folgen des Handelns. Wählen ist ja auch eine Handlung, eine Handlung ohne Folgen? Oder mit Folgen die, da sie nicht direkt im Anschluss auftreten, nicht mit der Handlung in Verbindung gebracht werden. Oder nicht in Verbindung gebracht werden können, menschliches Denken reicht oft nicht weit in die Zukunft. Da helfen auch die großen Frontallappen nicht immer.
Mir fällt in dem Zusammenhang immer Sokrates ein. Der soll gesagt haben
„Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Die Jugend steht nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer.“
Wenn Sie das am Stammtisch erzählen, dann bekommen Sie viel Zustimmung. Sie hätten auch vor 100 Jahren viel Zustimmung bekommen. Vor 500 Jahren auch.
Sokrates ist schon ein Weilchen länger tot als 500 Jahre.
Und “natürlich” passen sich die gewählten Volksvertreter den neuen Umständen an. Macht wir genutzt und manchmal auch ausgenutzt. Soll vorkommen. Auch Geld hat nicht generell einen positiven Einfluss auf den Charakter. Allerdings hat Geld auch nicht generell einen negativen Einfluss auf den Charakter. Das ist jedenfalls meine Meinung.
Vermutlich geht es dem angesprochenen “Parteigründer” (siehe im Originalartikel) auch so: viel Enthusiasmus, viele Ideen, viele wenig Pläne. Und irgendwann schimmert die Erkenntnis durch – nicht alles ist so leicht umzusetzen wie zuerst gedacht. Vor allem sieht das ja keiner, jedenfalls nicht sofort. Da macht sich dann auch Unzufriedenheit breit, wäre jedenfalls nachvollziehbar. Und es leuchtet die weise Erkenntnis: viele *wollen* garnicht aktiv etwas Neues.
Veränderungen, das ist mit Aufwand verbunden.
Arbeit, Entbehrungen, Anfeindungen und anderes mehr. Die Weggefährten, die keine sind, ziehen es vor nach bekanntem Muster gegen etwas bestehendes zu schelten. Schelten, Änderungen verlangen, bekannte Tätigkeiten. Da kann man sich wohlfühlen und ist in einer großen Gemeinschaft. Denn die Anderen machen das ja auch so.
Etwas Frust könnte auch aufkommen wenn positive Ergebnisse, die Folgen von Entscheidungen von vor 10 Jahren oder länger, der gerade laut rufenden und (mehr oder weniger) aktiven Regierung zugesprochen werden. Umgekehrt gilt das allerdings auch. Mit viel Enthusiasmus Änderungen in Angriff nehmen. Und als Folge von Entscheidungen aus der Vergangenheit geht das nicht. Ergebnis? Versager! Nichtskönner! Nur die dicke Kohle einschieben!
…Shit happens
Für mich ist das wie mit den Querdenkern. Jede Firma, könnte einen brauchen. Neue Ideen liefern, Veränderungen anstossen. Gut, sollen die Querdenker das machen. Aber bitte, so wie gewohnt, ohne größere Umstellungen. Keine Veränderungen. Nichts ungewohntes.
Die Welt verändert sich. Auch durch Wahlen weil “nicht wählen” ja nicht geht. OK, genau heißt das: “Sie können nicht nicht entscheiden”.
Vielleicht verändert sich die Welt halt nicht morgen. Sondern erst nächste Woche?

Die Geschichte der Hummel, die eigentlich nicht fliegen kann, haben Sie sicher schon gehört.